2. Etappe, Baltikum

Die große Überfahrt. Sonntag, 19. Juni 2016, von Polen nach Litauen

Sonntagabend. Nach dem Tatort.
Die Sonne ist gerade untergegangen. Es ist 22:00h. Die Skokie läuft mit 5,5kn auf Kurs 75* Richtung Klaipeda. Andrea schläft Unterdeck, ich hab mir warme Sachen angezogen. Seit die Sonne weg ist, ist es kühl. Wir haben noch die Nacht vor uns. Hinter uns liegen 70sm seit 07:15h heute morgen. 
Den ganzen Tag gab es nur heute Vormittag für eine dreiviertel Stunde ein Lüftchen, das zum Segeln reichte. Mit Groß und Blister, halber Wind. Dann die Segel wieder einpacken und mit dem Jockel weiter. Seit 16 Stunden knattert der Volvo nun schon. Zwischendurch wurde aus dem Kanister 10l Diesel nachgefüllt, damit es bis Litauen reicht. In diesen Jahr wäre ein Motorboot bestimmt die bessere Wahl gewesen. Dann hätte der ständige Ostwind auch keine so große Rolle gespielt. Rollo Gebhardt soll nach seinen Weltumsegelungen später auch aufs Motorboot umgestiegen sein und hat dann russische Flüsse befahren. Früher. 

Jetzt sind wir auf russischem Seegebiet, jedoch nicht innerhalb der 12 Meilenzone. Sogar ziemlich weit davon entfernt.  N 55* 30.27' E 019* 26.7' Im Ausgangshafen gab es oft das bestimmende Thema: Der große Sprung nach Klaipeda. Jeder hatte da seine eigene Strategie: Direkter Weg, Samstagnacht schon los. Oder doch noch einen Tag länger warten, oder das russische Seegebiet ganz umfahren. 
Heute hätte nach der Wetterwelt-App der Wind 30sm nördlich von unserer Route etwas kräftiger gewesen sein sollen. Deshalb sind wir nicht direkt, mit 65*, sondern zuerst etwas mehr nach Norden. So konnten wir auch ein in der Seekarte eingetragenes Schießgebiet der Russischen Föderation noch umfahren. Ob heute dort geschossen werden sollte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Zur Zeit ist jedenfalls alles ruhig. Im letzten Hafen machten auch die Seeräuberpistolen die Runde, wieviele Segler von russischen Behördenbooten in diesem Jahr schon aufgebracht worden sind, und wieviel Stunden man dann festgehalten wird und was alles gefragt und untersucht wird. Dazu zitiert man dann einen Artikel aus der "Yacht", der in diesem Jahr zum selbigen Thema erschienen ist. 
Was sollen wir tun, wir wollen da rüber. Also haben wir uns für einen Mittelweg entschieden, eben weiter nördlich, aber nicht ganz außen rum und nehmen die zusätzlichen 25sm in Kauf. Die Nacht findet sowieso auf See statt. Nur das Motorknattern stört die romantische, sonst ruhige Nacht. 
Wie gerne würden wir jetzt hier unter dem Vollmond segeln. Aber es kommt bestimmt noch ein Luftzug. Um 3h, oder um 4. Wir werden sehen. 


Montag, 20. Juni 2016
Der Wind setzte ein. Pünktlich nach der Hafeneinfahrt von Klaipėda. Aus Nord. So um 11h, beim Anlegen. 
Die Nacht verging, real, doch unspektakulär. Mit kontinuierlichem Motorknattern und dem krächzendem Geräusch des Pinnenpiloten, unserer Selbststeueranlage, die permanent den Kurs nach Kompass korrigiert und dabei die Pinne hin und her schiebt. Eine Selbststeueranlage mit Windfahne hätte nicht viel genutzt, es gab ja keinen Wind. Ausgewogene 5,5kn war unsere Geschwindigkeit, um den Motor nicht zu sehr zu beanspruchen. Schließlich ist er auch schon 27 Jahre alt. 
Aber ein großes Lob für unseren 18PS VP 2002 von 1989: Er lief 27 Stunden am Stück ohne sich einmal zu verschlucken oder ein auch nur einmal ein ungewöhnliches Geräusch von sich zu geben. Toi, toi, toi. Danke, Olaf Grümmert aus Kiel für die fachmännische Überholung im vorletzten Winter. 

Um Mitternacht habe ich Wache. Vorher war ich 1 Stunde in der Koje. Ob ich richtig geschlafen habe, weiß ich nicht. Vielleicht eine halbe Stunde. Andrea hat die Skokie auf ihrem Kurs gut bewacht. 
Der Vollmond im Süden hat die Nacht heller gemacht. Wolken schieben langsam von Westen her den Himmel zu. Im Norden bleibt ein heller gelbrötlicher Streifen, der auch bei der Orientierung in der Nacht hilft. Als ich mich hinstelle, für einen  regelmäßigen Rundumblick, zucke ich zusammen: ein Lichtblitz am Horizont, aus der Richtung Kaliningrad! Was war das? Ein Lichtsignal? Gewitter? Oder ein Schuß? Quatsch mit Soße. Natürlich ein Gewitterblitz. Ganz weit weg. Ein dumpfes leises Grollen bestätigt das Gewitter, mindestens 25sm entfernt. In der Nacht, allein, im Dunkeln, tanzen doch schnell die Dämonen im Kopf. 
Ich ziehe mir meine Regenhose an, rücke die Mütze tiefer ins Gesicht und prummel mich in die Kapokkissen unter das Sprayhood. Ein Blick auf den Plotter zeigt keine Schiffe im Umkreis von 3h. Noch 40sm bis zur Ansteuerungstonne Klaipėda. Ich döse vor mich hin. 

Als ich das nächste Mal auf den Plotter schaue sind es noch 33sm und es ist wesentlich heller, Tagesanbruch. Huch, habe ich geschlafen? Mir fehlen 7sm, das sind knapp 1,5h, die ich verpennt haben muß. Mit dem Kopf an der Fallwinsch. Ein Blick auf die AIS Symbole auf der elektronischen Seekarte zeigt keine Schiffe in der Nähe. Die Wassergrenze zwischen Rußland und Litauen haben wir auch schon überfahren. Völlig unbehelligt. Ohne dass sich ein Patroullienboot in der Nacht gezeigt hat. Die Geschichten von den Häschern von RussPutin überlassen wir den Seeräuberpistolenerzählern. 
Mit dem extragroßen Radarreflektor, den wir für die Überfahrt in den Mast gezogen haben, waren wir auch bestimmt auf jedem Radarschirm zwischen Kaliningrad und Stockholm sichtbar. 

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang

Klaipeda, Dienstag, 21. Juni 2016

Heute ist Mittsommer. 14*C, Regen. Aber die Wetteraussichten sind gut. Wind von Süd über mehrere Tage und es soll ein sehr warmes Wochenende geben. Wir nehmen uns einen Tag für die einzige litauische Hafenstadt. Hier kann auch wieder mit Euro gezahlt werden. 
Prominenteres Exponat: Ännchen von Tharau. Omas und Opas kennen hierunter noch ein Lied. Hier steht eine rekonstruierte Plastik, die das Ännchen zeigt, auf dem Theaterplatz für den Dichter Simon Dach, der den Text im 17ten Jahrhundert verfasste.
Die Historie als Stadt Memel wird nicht geleugnet und mit Hinweisen, Bildern und vielen deutschsprachigen Litauern bezeugt. 
Es gibt tolle Kneipen und Cafés. Das von Rußland verlorene EM Spiel gegen Wales wird bejubelt. Es ist aber auch kein Wunder, wir sitzen im Irish Pub, sehr anglizistisch. 


Mittwoch, 22. Juni 2016

Auf dem Weg von Klaipėda nach Liepaja, Lettland. 

Andrea freut sich über das Buch, das sie von Angela und Toddl für die Reise zum Lesen bekommen hat. Das Lavendelzimmer. Es gefällt ihr sehr gut, weil es beschreibt, daß man auf das Leben und die Liebe vertrauen kann. 
Bei den Fußballkenntnissen hat sie auch die Nase vorn: Wenn ich "jetzt los, Götze" rufe, werde ich milde, aber bestimmt korrigiert: "Jens, das war Özil". Das Spiel gegen Nordirland war ganz schön spannend, leider nur 1:0. Der schöne Gomez hat eben nicht alles ganz genau auf dem Silbertablett geflankt bekommen, da darf man einfach nicht meckern. Oder war es Müller? Ich werde Andrea fragen.  

Maritimes 
Während bei der Annäherung an Klaipėda die Küstenwache uns schon 5sm vor dem Hafen aufforderte uns zu erkennen zu geben ( name of Boat, your exact position, last harbour, how many persons on board, which nationality, your destination ?) bekamen wir bei der Ausfahrt etwas freundlichere Worte mit einem Danke für die Abmeldung und "have a nice journey". Natürlich haben wir unseren Text vorher einstudiert und konnten unseren Bootsnamen auch im internationalen Buchstabieralphabet aufsagen: Sierra-Kilo-Oscar-Kilo-India-Echo
An der Moleneinfahrt die übliche Kabbelwelle Wind gegen Strom. 
Dann die Segel setzen bei herrlichem Sonnenschein. Die grauen Wolken von heute morgen haben sich verzogen. Mit 6kn geht es Richtung Norden. Ein sanfter Wind aus West, 3, knapp 4Bft. Ganz entspannt, nur die Wellen gurgeln am Rumpf. Kaum Schräglage. Jetzt den Pinnenpiloten anstellen und lang ausstrecken. Herrlich. Viel entspannte Zeit in der Sonne. 

Nachmittags wird der Wind schwächer, wir rollen die Fock ein und setzen den Blister, ein ballonartiges Halbwindsegel. Bullerjan steht noch auf dem großen Segelsack des holländischen Segelmachers
Gleich sind wir mehr als 1,5 Knoten schneller und holen zur vorausfahrenden "Mariana" auf. Eine Bavaria 34, die heute morgen etwa zeitgleich aus dem Hafengebiet von Klaipėda herausgefahren ist. Sie ist dann auch die einzige Segelyacht, die wir heute auf See gesehen haben. 

Die letzten Meilen vor Liepája starten auch wir unseren Motor, weil das Segelflappen bei wenig Wind und viel Dünung zu nerven anfängt. 
Nach 57sm liegen wir in Liepája im Päckchen in einem schäbigen, rostigen, an sowjetische Zeiten erinnernden Hafen. 
Klaipéda ist für die Ostseefahrer der einzige litauische Hafen. 40sm weiter nördlich ist die Grenze zu Lettland. Dort nimmt man Liepája als erste Station. 
Ein großer Handelshafen, der sich schlauchartig bis zu einer Brücke in die Stadt hinzieht. Man liegt längsseits an einer Notpier. 6, 7 oder 8 Yachten. Mehr nicht. Einfach. Das Hafenmeisterbüro in einem kleinen Container. Kneipen in alten Speicherhäusern. Duschen und Sanitär? Es gibt einen Gutschein beim Hafenmeister für das Hotel Fontaine. 
Wir haben damit das zweite baltische Land erreicht. Bei der Gastlandflagge, die man zu Ehren des Gastlandes unter der Steuerbordsaling setzt, waren wir uns zuerst unsicher, ob in der Tüte die richtige Flagge lag: waagerechte Streifen, rot-weiß-rot. Könnte auch Österreich sein. Beim ersten Schiff, das wir mit lettischer Nationale im Heck sehen kommt aber die Gewissheit: wir haben die richtige Flagge gesetzt und sind auch gerade ein bisschen Stolz auf das bisher Geschaffte und Erlebte.

Wir bekommen also einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt " Guest of Harbour". Auf die Rückseite wird noch mal eben das Passwort für das Internet notiert. 1 Euro pro Person soll im Hotel für das Duschen gezahlt werden. 

Und dann stehen wir wieder in hauptsächlich rostigem Ambiente. Irgendwie ist die Gegend aber wohl auch angesagt? Während wir lettisches Bier in der Hafenkneipe trinken, fahren lettische Jungs in ihren tollen Kisten, natürlich mit dem Ellenbogen lässig im geöffneten Seitenfenster abgelegt, Ausschau haltend vorbei: Partytime-morgen ist Feiertag!!! Es ist noch lang was los auf dieser Flaniermeile. 

Am nächsten Morgen marschieren wir mit unserer Duscherlaubnis zum Hotel. Im Eingang brokatplüschige Sessel mit Goldbeschlag, Teppichen und Tischchen und dann finden wir Spa total: Sauna, Schwimmbad, besagte Duschen, Holzspinde und terrakottafarbene Fliesen! Alles in abgedunkeltem Ambiente. Nichts ist hellblau und weiß oder türkisgrün. Das Auge entspannt schließlich mit...

Man sollte sich also nicht gleich vom ersten Eindruck entmutigen lassen: manchmal bleibt's rostig aber manchmal verbirgt sich hinter der ollen Fassade auch eine Überraschung. 


Übrigens hat's einer der lettischen Jungs vom Abend nicht geschafft: der saß am nächsten Morgen noch da: aber überhaupt nicht "allein". Die Seemänner vom polnischen Boot nebenan setzen ihn auf eine Holzbank, damit er nicht ins Wasser fällt. 

Sanitäreinrichtung der "Marina Liepàja"



Mittsommerfest in Pavilosta, 23. Juni 2016

NachdemTanken-wir haben in Liepája beide 10l Kanister aufgefüllt - und Kurzshoppen in einer naheliegenden kleinen Mall, sind wir nach Pavilosta aufgebrochen. Achterlicher Wind, warm, Sonne. Im Hafen werden wirschon erwartet. Vom Beamten der Coast Guard und von der SY Mariana. Das AIS-Signal von Mariana haben wir seit der Nacht nach Klaipėda öfter auf dem Plotterschirm. In Liepája haben wir die Crew beimAblegen ganz kurz kennengelernt: Woher, wohin, und gute Reise. Die Absprache des gleichen Ziels für die Tagesetappe hat dann bei der Einfahrt in den Zielhafen ein Winken vom Steg und einen Fingerzeigauf einen freien Stegplatz zur Folge. Supernett.
Die Coast Guards haben unsere Ankunft in Pavilosta von Liepája aus angekündigt. Dort hatten wir uns natürlich per Funk aus dem Hafen abgemeldet. Das geht inzwischen schon so routiniert wie eine Startfreigabe am International Airport Langenhagen.

Heute und morgen, Donnerstag und Freitag wird in Lettland das Mittsommerfest gefeiert. Viele Mädchen und Frauen haben aus Blumen und Gräsern geflochtene Kränze auf dem Kopf. Die Autos sind mit Eichenlaub geschmückt. Man macht sich fein zurecht und bereitet sich vor, auf die lange Nacht. Es soll Unglück bringen, wenn man vor dem Sonnenaufgang zu Bett geht.
Der sehr freundliche, junge Hafenmeister - er spricht ohne Akzent deutsch - entschuldigt sich auf Vorrat, dass es in dieser Nacht eventuell etwas lauter werden könnte. Aber es wird auf alle Fälle friedlich bleiben. Mittsommer soll in Litauen den gleichen Stellenwert haben, wie Weihnachten in Deutschland.
Wir folgen dem Hinweis, dass auf der Waldbühne, am Ende des Ortes, das Fest mit Tanz und Feuer gefeiert wird. Was wir nicht wissen ist, dass Pavilosta ein Straßendorf ist. Erst nach 45 Minuten sind wir am Ende des Ortes angekommen. An einen Hang sind Holzbänke fest aufgebaut, die auf eine überdachte Bühne in Form einer Muschel gerichtet sind. Es gibt Livemusik einer Amateurband, die ausschließlich lettische Gassenhauer im Repertoire haben. Das Feuer wird leider erst nach Mitternacht angesteckt. Um diese Zeit machen sich auch die meisten Bewohner auf den Weg zum Festplatz. Sie kommen uns alle entgegen, als wir müde unseren Rückweg angetreten haben. 
Im Gegensatz zu solchen Veranstaltungen bei uns zu Hause, stellt Andrea richtigerweise fest, sind hier keine Bratwurstbuden und Bierzapfwagen aufgebaut. Jeder versorgt sich selbst und sitzt mit Alten und Jungen und ganz Kleinen zusammen. Alle Tanzen vor der Bühne. Irgendwie idyllisch.

Weitere Fotos folgen
Pavilosta, Mittsommer
Pavilosta, Mittsommer

Ventspils, Lettland, 24. Juni 2016

Kurzinfo: Heute in Ventspils abgekommen. Es ist Sommer. Die Sonne scheint den ganzen Tag. Die Arme werden jetzt auch braun, weil wir auch draußen auf der See nur mit T-Shirt auskommen. Wir haben guten SW-Wind undkommen gut voran. Das Wetter ist sehr gut. Wir kommen nicht zum schreiben. Wir genießen. Einfach Zeit. Zu zweit. Auf dem Boot. Unterwegs. 

Die WiFis werden spärlicher. Darum gibt es im Moment nicht so häufig Berichte. Auch führt der häufige ungeschützte Datenverkehr zu Ansteckung mit Viren. 
Die unsere Emailkonten hatten schon mehrfach ungewöhnliche Reaktionen und waren tlw. blockiert. 
 
Wir segeln zur Zeit im Baltikum Richtung Nord und sind heute in Ventspils/Lettland angekommen. Der gute Südwestwind bringt uns Strecke, die die Zeit, die wir in Polen verloren glaubten, wieder einholt. 
Es geht an der Küste hoch, Alternativhäfen gibt es noch nicht. Die Buchten und Inseln zur Auswahl erwarten wir uns Estland, Finnland und Schweden. Die Etmale sind durch die Distanz der Häfen vorgegeben. Wir sind jetzt drei Tage ohne Pause unterwegs, es geht uns gut. Strecken von 40, 50sm sind völlig ok und bereiten keine Schwierigkeiten. Die hohe Welle ist normal geworden, hier hatten wir am Beginn des Törns mehr Bedenken und ehrfürchtigere Gefühle. 
Wer hier oben segelt, ist auf einer Ostseerunde. Wochenendsegler und Charterboote gibt es nicht. Dafür ist es zu weit und zu einsam. Die Häfen als Pausenstation für die Nacht sind zu unattraktiv.  Wir treffen in den Marinas jetzt oft dieselben Boote, die im gleichen Rhythmus wie wir, mit Wind und Welle leben. 




Riga mit dem Bus. Sonntag, 26. Juni 2016

Wir sitzen im Bus von Ventspils nach Riga. Die Fahrkarten haben wir gestern schon am Busbahnhof gekauft. Klimatisiert - gestern waren es in Ventspils drückende 32*C, kein Wind - und geräuschgedämmt rollen wir über die Landstraße. Das ganze für 8€ pro Person. Fast jeden Tag wird die Strecke 10-15mal gefahren. 180km, ca. 3 Stunden. Genial ist das WiFi hier im Bus. Schnell und kostenlos. 
Das Busfahrsystem scheint hier eine wirklich wichtige Rolle einzunehmen. Busbahnhöfe mit Anzeigetafeln, Fahrkartenschaltern, und durchnummerierten Abfahrterminals sowie eine hohe Pünktlichkeit takten den Personentransport durch das Land. In Riga finden wir einen internationalen Busbahnhof vor. Exotische Verbindungen nach Minsk, St. Petersburg und polnische Städte sind für tägliche Anfahrt auf den Fahrplänen ausgewiesen. 
Es kann natürlich auch sein, dass mir als Permanentautofahrer diese Art der Infrastruktur in Deutschland in der Tageshektik verborgen geblieben ist. Das werde ich mal nach unserer Rückkehr überprüfen. Auf jeden Fall flutscht unser Besuch in Riga vom Transport her einwandfrei. 
Auch das Taxi von der Marina zum Busbahnhof ist pünktlich um 6:50h da. Wir hatten den Hafenmeister am Abend gebeten uns ein Taxi zu bestellen. Er nickte und versicherte uns, dass er sich kümmern würde. Erstens hat der Hafenmeister von uns verstanden was wir wollten. Zweitens hat er irgendwann gestern Abend den Anruf vorgenommen. Und drittens war das bestellte Taxi wirklich um 06:50h da. 
Hier hat einmal das Vertrauen die Kontrolle ersetzt. 


Rigas Altstadt ist eine Konzentration von Baudenkmälern und Parks. 

Riga
Eine Stadt voller schöner restaurierter historischer Gebäude. Das historische Zentrum ist gut zu Fuß zu erkunden. Es strömt uns Pracht und Stolz entgegen. Wir haben einen besonders heißen und schwülen Tag erwischt, so daß auch dieser Stadtausflug, wie der in Gdansk mit feuchten Klamotten abschließt. Diesmal von innen nach außen durchgefeuchtet.
Trotz der anstrengenden Stadttour in der Schwüle drängt Andrea darauf noch in das Quartier mit den schönsten Jugendstilfassaden zu pilgern. Ich schlage ein Taxi vor. Es sind zwar nur 10 min, aber die Klimaanlage des Autos tut endlos gut. Als wir aussteigen und die Fassaden der Häuser sehen, können wir wirklich nur staunen. Die reichen Details und Verzierungen der Häuser sind faszinierend. Schön, dass es erhalten und restauriert ist. Die Häuser können wir nicht alle fotografieren, deshalb entschließen wir uns einen Bildband aus dem Tourishop als Andenken zu kaufen. Zum Nachspüren.
In dem gut organisierten Busbahnhof finden wir unseren Lift nach Ventspils zurück. Wie auf der Hinfahrt auch, hält der Bus auf der Hälfte der Strecke für 10 Minuten. Ein Kaffee, eine Zigarette und Pipi. Dann geht's weiter. Ziemlich erschlagen entern wir die Skokie, die so, wie wir sie zurückgelassen haben auf uns wartet. Der Hafenmeister wacht von seinem Büro im ersten Stock aufmerksam über seine Pier und seine Gäste.
Für alle, die mit dem Boot hier hochsegeln, können wir die Bustour von Ventspils sehr empfehlen, wenn die Zeit für die Ersegelung der Rigabucht nicht reichen sollte.
...
Die schnelle Abfolge der Erlebnisse läßt kaum eine Lücke es passend aufzuschreiben. 
Oft vergessen wir das Zubettgehen. Es ist bis nach Mitternacht hell und warm, so dass wir im Cockpit sitzen und den Sommer wirken lassen.

Estland wir kommen, Montag, 27. Juni 2016

Ventspils/Lettland nach Kuressaare/Estland
18:00h

Wie in der Wetterprognose angekündigt, auf 30 Minuten genau, dreht der Wind von NW auf W und nimmt etwas zu. Wir haben die Irbenstrasse gekreuzt. Sie ist der Zugang zum Rigaschen Meerbusen. Nach einer kurzen  Volvo 
-Penta-Schiebehilfe in einem kleinen Flautenloch sind wir jetzt in der Landabdeckung der großen estnischen Insel Sareema. Zum ersten Mal auf unserer Reise haben wir nicht die offene See an der Seite. Die Insel gibt Schutz vor der lang anlaufenden Welle aus Skandinavien. Das Wasser ist nicht glatt, aber seit 20 Minuten gibt es kein Geschaukel, kein Rollen und kein Gieren mehr. Dazu gute 4 Bft von der Seite mit strahlender Sonne, die die Segel weiß leuchten lässt. Was für Segelbedingungen! Obwohl wir heute schon fast 40 sm erreicht haben, beschließen wir am Fährhafen Montu vorbeizusegeln und nach Kuressaare weiter zu fahren. 

SEGELN!
Das Großsegel ist auf Halbwind geschotet, der Bullerjan soweit offen, dass das Vorliek gerade nicht einfällt und die Ballonform sich von selbst aufstellt. 6,8 Knoten. Einfach geradeaus. Fast ohne Krängung ziehen die Segel die Skokie nach vorn. Die vielen kleinen Minifalten des straffen, dünnen Stoffs des Vorsegels fangen an leise zu Brummen, wenn die Luft etwas schneller an den Tüchern entlang strömt. Alles ist im Gleichgewicht: der Wind, die Welle, die Geschwindigkeit, die Schräglage. Kaum Ruderdruck. Nichts bewegt sich. Nur das Boot schnurgerade nach vorn. 
Wenn eine weiche Böe langsam ihre Energie auf die Segel überträgt, spürt man, wie die Spannung in den Schoten zunimmt. Das Gurgeln des abfließenden Wassers am Heck wird etwas heller, das Rauschen der Bugwelle intensiver. Aber das Boot neigt sich nicht weiter auf die Seite, sondern nur die Fahrt nimmt weiter zu. 5 Tonnen Gewicht werden sanft aber spürbar im Wasser beschleunigt. Völlig ausgewogen. Die Logge zählt das Anwachsen sachte hoch: 6.8kn, 7.0kn, 7.4kn, 7.9kn. Dann ist der Zenith erreicht. Die Böe lässt nach, das Brummen wird leiser, das Gurgeln schwächer, die Spannung in den Schoten normalisiert sich. Bei 6,5kn pendelt sich ein neues Gleichgewicht ein. 
Das Gefühl für Boot und Wetter ist inzwischen unheimlich sensibilisiert.      Öfter sprechen wir schon darüber, daß wir zu dritt unterwegs sind. Andrea, Jens und Skokie. Bei der Entscheidung am Fährhafen Montu vorbeizufahren gibt es folgenden Dialog:
"Wenn es so weiter läuft, sind wir zum Abendessen pünktlich zu Hause" wird gewitzelt. "Wieso denn, wir sind doch zu Hause", kommt prompt Andreas Antwort. Ja, stimmt eigentlich. Unterwegs und trotzdem zu Hause. In den letzten vier Wochen ist es so geworden. Heute ist Tag 30 unseres Ostseesommers. Ein wirklich schöner Tag. 

Kuressaare, Insel Saaremaa, Estland


Kuressare, Montag und Dienstag,
Mit welchem Segel-Elan wir Kuressaare erreicht haben, ist oben beschrieben. Die Einfahrt zur Marina ist mehr als 2sm lang, und schnurgerade ausgebaggert. Der Aushub liegt links und rechts von der Fahrrinne. Dort wo der Baggeraushub über der Wasseroberfläche liegt, haben sich Möwen und Kormorane in großen Kolonien angesiedelt. Großes Geschrei erfolgt, als wir in der 30m breiten Rinne passieren. Der Hafen soll 2,6 m tief sein. An einigen Stellen zeigt das Echolot gerade noch 60cm unter dem 1,70m tiefen Kiel an. Das kennen wir eher selten und entsprechend langsam und vorsichtig Tasten wir uns unter Motor durch die Rinne. 
Kuressaare sadam ("Hafen") ist nur für Sportboote angelegt. Eine richtige Marina seit langem. Extrem gute Pflege, erstklassige saubere Sanitärräume, gute Internetverbindung haben ihren Preis: 25€ kostet eine Übernachtung inkl. Warmduschen und Strom. 
Es herrscht eine entspannte Stimmung in der Marina und man ist ausgesprochen nett. Für alle Nationalitäten, die mit Booten im Hafen vertreten sind wird die Nationalflagge an den 19 Fahnenmasten am Hafenmeistergebäude gesetzt. Selbst eine irische Fahne ist verfügbar, als die Stahlyacht aus Irland, die nach uns ebenfalls aus Ventspils gekommen ist, in der Marina festmacht. In der Bar nebenan bekommen wir ein kühles  Bier und können uns den EM Brexit beim tollen Spiel Island gegen England ansehen. 

Am Dienstag nutzen wir die Waschmaschine. Inzwischen hat sich doch schon Einiges, trotz sparsamen Umgangs mit Bekleidungsstücken, zur Reinigung angesammelt. Der spezielle Staukasten, der beim Öffnen schon häufiger stärkeren Körpergeruch in die Atmosphäre abgibt, nähert sich unaufhaltsam einem vollständigen Füllungsgrad. 

Auf der Skokie wird die Reling mit nassen Socken, T-Shirts und Slips geschmückt, die großen Sachen werden vom Bug zum Heck über den Mast geflaggt. Am Nachmittag ist alles schranktrocken und wird wieder eingesammelt. 

Auch gibt es in der Marina einmal wieder die "Roaring fourties", womit nicht die von Sturm und Wellen brüllenden 40er Breitengrade am Kap Hoorn gemeint sind, sondern die 40Fuß-Yachten, die mit dem unnachahmlichen, lautem Geräusch des elektrisch angetriebenen Bugstrahlruders versuchen, den Rumpf schadenfrei an den Steg zu manövrieren. 
Wir schauen uns die sehr gut restaurierte Burg an. Innen gibt es eine Ausstellung über die verschiedenen Epochen die die Insel Saaremaa erlebt hat: Eisenzeit, Okupation durch deutsche Ritterorden, schwedische Herrschaft, russische Herrschaft, estnische Unabhängigkeit, Sowjetrepublik, Unabhängiges Estland 1994, EU. 
Es ist ganz schön viel zu erfahren und das Geschichtsbewußtsein neu zu füttern. Sehr spannend. 
Auf einem Markt, der gerade geschlossen wird, erstehen wir von alten Damen handgestrickte Wollpullover aus Wolle der Saaremaa-Schafe. 
Dann geht es wieder zur Skokie. Kurs für morgen festlegen, Wetter abfragen, und wir trinken noch eine Flasche Wein mit Tom und Heike, die Crew der Mariana, die uns schon über mehrere Stationen begleitet hat. 


Der beste Tag, Mittwoch 29. Juni 2016

Kuressaare nach Pier Kõiguste, Sareema
Wir laufen recht früh aus. Vor dem Verlassen des Hafen können wir noch bequem tanken. 25l Diesel für 29,80€. Das ist nicht viel und wir haben wieder alle Tanks und Kanister voll. In den letztenTagenhaben wir jedoch sehr wenig gebraucht, da der Diesel hauptsächlich für das An- und Ablegen gebraucht wurde. 

Leider spinnt die Elektrik. Die neue 140Ah AGM-Batterie verliert ihre Spannung von 14,2 V auf weniger als 12,4V innerhalb von 8-12 Stunden. Das bei nur eingeschalteten Nacigationsinstrumenten. Den Kühlschrank lassen wir ohne Landstrom nicht mehr mitlaufen. Die Batterie ist nagelneu. Ich werde sie reklamieren. Und Heinrich nochmal anrufen. Der hat bei diesen Dingen immer den passenden Rat. 

Es geht die enge Fahrrinne über 2 sm nach Süden. Dann ins freiere Fahrwasser nach Südosten halten. Der spärliche Wind steht noch genau gegenan. Wir nutzen Sie Gelegenheit des glatten Wassers, um die Arbeitsfock gegen die große Genua zu wechseln. Heute werden wir viel Segelfläche brauchen. Dennoch werden 2-3 Bft fürs Segeln reichen. Die letzte Untiefentonne ist passiert, wir gehen auf Kurs. Die SY Marianna mit Tom und Heike ist bereits zeitiger losgefahren. Wir sehen Sie 3sm vor uns. Ein wirklich nettes Paar. 
Hoch am Wind erreichen wir 5kn. Prima, wir müssen nicht kreuzen, aber ab und zu etwa Höhe kneifen. Dennoch läuft die Skokie gut und schnell. Amwindkurse mg sie am liebsten. Stück für Stück holen wir zur Mariana auf.  Jetzt gilt es wieder: Eine Yacht ist Segeln, zwei Yachten sind eine Regatta. Der sportliche Ehrgeiz ruft die gesamte vorhandene seemännische Kenntnis des Trims auf. Auf beiden Booten wird an der Segelstellung optimiert, an den Lieken gezupft und die Schoten getrimmt. Die Windanzeigefäden, die Telltails, genauestens beobachtet. Aber da kann man machen nix: die Skokie läuft schneller. Unerklärlicher Weise sehr viel schneller als die Bavaria 33. Beim Überholen gibt es die Gelegenheit sich gegenseitig zu fotografieren. Bilder vom eigenen Boot in Fahrt, unter Segeln gibt es doch eher selten. Als eine Kegelrobbe hinter der Mariana auftaucht, gelingt es Heike sie zu fotografieren. Phantastisch. 

Danke Heike für die Fotos

Kõiguste Pier
Ca. 30sm östlich von Kuressaare liegt eine kleine Bucht. Dort, auf der Westseite ist ein winziger Hafen in der Karte verzeichnet, der aber bei unserem Tiefgang von 1,70m nicht genutzt werden kann. Die Tiefe beträgt dort maximal 1,50m. In unserem antiquarischen Revierführer (Jörn Heinrich, 2005) wird jedoch ein weiterer Steg, gegenüber auf der Ostseite beschrieben. Nach einer Durchfahrt in eine "Lagune". Tiefe 2,70m. Die Seekarten, Papier und elektronisch, zeigen nur 0,4m Durchfahrtstiefe. Versandet. 
Dennoch tasten wir uns mit Schrittgeschwindigkeit an die Durchfahrt heran. Die SY Mariana vorweg. Wir erkennen zwei kleine Tonnen, rot und grün. Diese scheinen eine Durchfahrt zu markieren. Über die Landspitze kann man zwei Segelbootmasten erspähen. Das Echolot genau im Auge fahren wir hinter der Mariana her. Wir biegen rechts ab, zwei weitere Markierungsbojen warnen vor untiefen Bereichen auf dem Weg zum Steg, an dem bereits zwei Yachten liegen. Für unsere zwei weiteren Boote ist noch längsseits Platz. Als das Echolot 0,0m unter dem Kiel anzeigt halten wir die Luft an und warten auf den stoppenden Stoß oder das Knirschen des Kiels und das Nicken des Rumpfs beim Steckenbleiben. Aber Andrea erkennt lang gewachsenes Seegras im Wasser, das dem Echolot eine geringere Tiefe vorgaukelt. 
Völlig frei schwimmend erreicht die Skokie die alte Holzpier. Eine netter Hafenmeister wartet schon, ruft ein fröhliches Welcome und nimmt die Vorleine an. 

Kõiguste Pier hatte einmal zwei Stege, einer davon ist noch notdürftig am Land befestigt. Es gibt Strom, einfachste Duschen, Sauna, zwei Klos in einer ältlichen Holzhütte. Wildes, ununterbrochenes Möwengeschrei auf einer Insel: Die Brut wird gepflegt. 

Der Hafenkapitän spricht gutes Deutsch mit uns. Nach dem Versorgen des Bootes machen wir gleich einen Spaziergang am Strand. Der ist steinig und mit Gras und Schilf bewachsen. 
Auf dem Rückweg gehen wir an der Holzhütte vorbei, vor der der Hafenkapitän mit seiner Familie und einem Freund sitzt und grillt. An der einfachen Tresenbar können wir kühles Bier kaufen. Die beiden Söhne machen das Geschäft und dürfen die Einnahmen als Taschengeld behalten. Ohne irgendwelche Vorbehalte werden wir mit an den Tisch gebeten, um uns dazuzusetzen. Wir zögern sehr. "We don't want to disturb your meal with your family". "No, no. Welcome. If you want some meat, please taste." Wir zieren uns wirklich, können der herzlichen Offenheit dann aber nicht widerstehen. 
Der selbstgebackene Erdbeerkuchen wird auch mit uns geteilt. Es schmeckt köstlich. Und es wird viel erzählt. In englisch, deutsch, estnisch, finnisch. Der Freund der Familie am Tisch ist Finne. Themen sind alles: Das Fußballspiel Iceland-England, die Besiedlung Estlands mit deutschen Ordensrittern, warum die Finnen so lange Arme haben (wenn sie in Estland aus der Fähre von Helsinki steigen, schleppen sie soviel Alkohol wieder zurück an Bord, das die Arme eben lang werden, estnischer Witz), welche Marina für uns in den nächsten Tagen infrage kommen würde, das Wetter, worldcruising, welches Bier wir in Braunschweig trinken, und, und und. 
Wir lachen herzlich. 
Die Söhne leben in Australien, der Hafenkapitän ist von Spanien dorthin gesegelt als der Älteste 4 Jahre alt war. Die Marina Kõiguste ist sein Hobby, den Rest des Jahres verdient er sein Geld mit Segeln. Zwischendurch erreicht ihn eine SMS, daß ein Freund eine Segelregatta in Kühlungsborn gewonnen hat. 
Die Einstellung zu Seglern ist auch in den "Regulations" auf dem Schild am Steg zu merken. Dort steht nicht Fahrradfahrern und Angeln verboten oder andere mehr oder weniger sinnvolle Verbote, sondern es wird z.B. um eine helfende Hand beim Anlegen einer anderen Yacht gebeten. Freundliche und vorbildliche Gebote der Seemanschaft. 
Wir verabschieden uns und dürfen ein Familienfoto der Familie von "Marina Kõiguste" knipsen. 

Ein lauschiger Platz. Mit Seaview auf die Lagune von unserer Terrasse, dem Cockpit der Skokie. 
Schwanenfeder
Schwanenfeder
Kōiguste Pier, Andrea & Jens
Kōiguste Pier, Andrea & Jens

Von Kõiguste nach Haapsalu, Estland, Donnerstag, 30. Juni 2016

Noch ein bester Tag.
Gemeinsam mit Mariana laufen wir aus der tollen Bucht aus. Wir haben 50 sm vor uns, es werden letztlich 60 sm, weil wir vor dem Wind kreuzen, damit einen längeren Weg haben, aber kalkulieren so schneller zu sein. 
Anspruchsvollere Navigation als an den Geradausküsten Polens, Litauens und Lettlands kommt auf uns zu. Dabei das Suchen einer 50m schmalen Durchfahrt durch ein Riff bei achterlichem Wind, inklusive Verkehr von häufig pendelnden Fähren. Wir erreichen Haapsalu um 20:30h nach 11 Stunden auf dem Wasser. Dennoch laufen wir noch eine halbe Stunde in den Ort, um einen Fernseher mit der Übertragung des Spiels Portugal - Polen zu finden. Durch das Elfmeterschießen kommen wir erst ganz spät wieder nach Hause. Aber morgen ist ja Hafentag, an dem wir uns Haapsalu ansehen werden. 
Wir ruhen uns nach dem letzten anstrengenden Segeltag aus. Etwas länger schlafen tut uns gut, um das vorherige Seestück von 63 sm zu verdauen. Nach dem Frühstück sind die Klappfahrräder schnellausder Backskiste geholt und aufgebaut. Damit erhöht sich unser Aktionsradius an Land erheblich und wir müssen den langen Weg in das Zentrum nicht noch einmal zu Fuß absolvieren. 

Wenn wir einen Hafen erreicht, das Boot angelegt und aufgeklart haben, gibt es bei uns einen Anlegerschluck. Auf der Skokie hat sich anstelle eines Biers, ein eiskalter Campari-O-Saft etabliert. Da es schon viele Anleger auf dieser Reise gab, ist auch der Nachschub des prozentigen Anteils des Getränks rechtzeitig sicherzustellen. Dies können wir in einem etwas verstecktem Geschäft mit Namen "Super Alko" erledigen. Etwas abseits liegt es. Aber hier gibt es alles, was die Leber begehrt in großer Auswahl. Wir benötigen aber nur den roten Anlegersaft, so das mit uns kein großes Geschäft zu machen ist. 

Haapsalu - Lohusalu, Samstag, 2. Juni 2016


Um 9:00h brechen wir auf, um einen großen Schlag Richtung Tallinn zu machen.
Auf dem Weg gibt es zwei für uns nutzbare Häfen. Dirhami am Ausgang der großen estnischen Inselwelt in 25sm Entfernung und Lohusalu, 50sm entfernt.
25sm sind uns zu wenig. Darum nehmen wir uns 10h Seefahrt für die 50sm-Strecke vor. 
Zunächst hangeln wir uns im Slalom durch den Wald der Fahrwassertonnen. Überall lauern Untiefen und große Steine unter Wasser. Doch das Wasser ist vorbildlich betonnt. Die estnischen Seekarten sind auch sehr präzise und wir haben uns inzwischen in die neue Darstellung eingelesen. Anden kleinen Maßstab der Karten mussten wir uns zunächst gewöhnen. Die vielen Details erfordern genaue Kartografie, die dann Kartenblätter ergeben, auf denen man während des Segelns mit dem Finger aufder Karte mitrutschen kann. Alle drei Stunden müssen wir ein neues Blatt vorholen, um das nächste Kursstück abfahren zu können. Navigation vom Abreißblock.
Wir haben achterlichen Wind und lassen uns zunächst nur von der großen Genua ziehen. Wegen der häufigen Kurswechel zwischen den Fahrwassertonnen verzichten wir auf das Großsegel, um nur ein Segelbedienen zu müssen. Wir sind heute sehr bequem. Dennoch kommen wir mit 5kn ganz gut voran. Nach ca. 23 Meilen können wir auf 70-80* anlegen und setzen das Groß, und zwar in Fahrt, bei achterlichemWind.  Zu bequem mit dem Boot in den Wind zu gehen, um seemännisch beanstandungsfrei ein Segel in den Mast zu ziehen. Mit jetzt 6-7 Knoten holen wir zu 2 Yachten, die bereits vor uns Haapsalu verlassen haben, sehr schnell auf. 
Wir können seit ein paar Tagen wieder ungewöhnlich viele Boote auf dem Wasser sehen. Die meisten aus Finnland. Dort sind bereits Ferien. Nach den einsamen Tagen auf dem Meer in Polen, Litauen und Lettland fühlen wir uns wieder in Gesellschaft.
Wir sind mit wirklich hoher Geschwindigkeit unterwegs und freuen uns dann doch ein wenig diebisch, als wir die "Juelle" und die "Primadonna" überholen. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass beide Boote auch bequem segeln: Sie haben das Großsegel nicht gesetzt und fahren nur mit der Genua. Schon um 17:30h liegen wir am Steg in Lohusalu. Wie gut, denn heute spielt in der EM Deutschlandi m Viertelfinale gegen Italien. Dass dürfen wir nicht verpassen. 


Elfmeterschießen

Im Hafenrestaurant von Lohasalu gibt es Livemusik und Tanz. Einen Fernseher gibt es nicht. Fußball? Achselzucken. Vielleicht in Laulasmaa. Das gelbe Haus. An der Ecke. Da das Dorf Laulasmaa uns doch sehr weit weg erscheint, leihen wir uns beim Hafenmeister zwei Fahrräder aus. Um unsere Klappfahrräder aus dem Boot zu kramen haben, wir nicht wirklich richtig Lust. Heute ist unser bequemer Tag. Das Spiel beginnt um 22:00h estnischer Zeit. Wir fahren um 20:00h los. Pünktlich fängt es zu regnen an. Und zwar wie aus Eimern. Die Regensachen, die wir dabei haben, werden unter einem Baum angepellt. Zum Unterstellen gibt es keine andere Möglichkeit. Das Dorf, durch das wir fahren ist ein Wald. Schotterstraßenund Waldgrundstücke. Vereinzelt Wochenendhäuser. Ab und zu fährt ein Luxusauto mit wahrscheinlich neureichen Tallinner Richtung Marina, zum Tanz. Wo soll denn hier eine Bar oder ein Restaurant sein? Und dann noch mit öffentlich zugänglichem Fernseher? Hier ist nur Wald und kein Ende in Sicht. Pitschnass radeln wir weiter. Es riecht nach Sommerregen im skandinavischem Wald. Etwas Moos und eine leichte Note Tannin. Im Abgang nicht zu trocken, sondern völlig durchnäßt. Wir befragen eine Familie an ihrem Haus, ob sie irgendeine Möglichkeit in der näheren Umgebung kennen würde, wo sich unsere Sehnsucht nach Jogis Eleven erfüllen könnte. "Na klar. Next crossroad, left hand,yellow house at the corner". Also doch. Nach weiteren 2 Regenkilometern erreichen wir die asphaltierte Kreuzung, um die sich das Dorf schart. Das gelbe Haus ist eine Bar. Racet steht an der Hauswand.Es gibt TV. Aber man schließt um 23h. Eventuell im Hotel Spa, am Strand.
Nichts wie hin. Etwas weiter, dort wo der Wald an den Strand grenzt. Erreichen wir einen großen Parkplatz und eine Ferienhotelanlage. Mit Spa und TV in der Lobby. Triefend gehen wir durch die Lobby zum Concierce und tragen unser Anliegen vor. Wie selbstverständlich reicht er uns die Fernbedienung über den Tresen zur freien Verfügung. Verwundert bedanken wir uns, ziehen die nassen Sachen aus und klatschen in die Hände. Es ist noch Zeit im Restaurant etwas zu essen. Dort sind weitere Fernseher unter der Decke montiert. Wir ziehen um, an einen Tisch mit gutem Blick auf die Übertragung und prosten uns mit dem ersten Bier zu.

Das Spiel endet 1:1. Auch die Verlängerung bringt keine Entscheidung. Elfmeterschießen: Özil versemmelt seinen zweiten Elfmeter in dieser EM, Müller hat keine Kraft mehr im Bein und Schweinsteiger hat beim letzten Schuß der Fünferserie keinen Mumm. Manuel Neuer rettet die Nationalelf, er hält den letzten italienischen Elfmeterschuß. Mit Glück hangelt man sich ins Halbfinale. 
In der Hotellobby ist es spät geworden und wir hangeln uns zu den Fahrräder. Die Jacken sind inzwischen trocken.
Ohne Licht am Fahrrad strampeln wir durch den dunklen Wald. Die Pfützen sind leider immer zu spät zu sehen. In der Marina nimmt der Securitymann um 01:30h die Räder entgegen. Und legt uns die Rechnung vor: 25,60€ für die Mietzeit "4-8 Stunden". Ein teures Vergnügen. Nur nicht nachfragen, wenn wir die Fahrräder erst am nächsten Morgen zurückgegeben hätten. Bequemlichkeit hat einen hohen Preis!

Lohasalu - Tallinn, Sonntag, 3. Juni 2016

Benommen vom grandiosen Sieg der deutschen Nationalelf über die Azurri stehen wir heute spät auf. Den Startpunkt für die Fahrt in die Hauptstadt der Esten, Tallinn, haben wir bewußt nahe gewählt, so daß wir Zeit haben uns auf den Seeverkehr mit vielen Verkehrstrennungsgebieten und finnischen Schnellfähren konzentrieren können. Es gibt Katamaranfähren, die mit 30kn in die Bucht von Tallinn einlaufen sollen. Kaum dass man sie am Horizont entdeckt, sind sie auch schon mit einer großen Welle vorbei. 
Wir machen um 14:00h die Leinen los. Sehr genau halten wir uns auf der Außenlinie der Einbahnstraßenzone zur See, um der Großschifffahrt nicht in den Weg zu kommen. Aber aus unserer Richtung kommt niemand. Als wir in die Bucht von Tallinn rechts abbiegen, sehen wir, wie sich ein Ozeanriese nach dem anderen von der Pier löst und auf Kurs geht. Fähren, Kreuzfahrer, Aida's. Wie schwimmende Hochhäuser schieben sie an uns vorbei. Scheinbar haben die Kreuzfahrer den Tag in der Stadt verbracht und die nahende Nacht - es ist 17:30h - wird für den Ortswechel der schwimmenden Hotels genutzt. Als wir die Kais der Kreuzfahrschiffe passieren liegt nur noch eine Aida fest. Vier andere haben den Hafen schon verlassen. Aber direkt hinter uns tutet das Schiff aus vollen Rohren zum Ablegen. Wir sind zwar vorbei, aber die Schiffshupe so nah hat uns einen großen Schreck eingejagt.
Jetzt müssen wir noch durch das Hafenbecken der Finnlandfähren, um in das Admiralitätsbecken für die Yachten zu gelangen. Das wird mit einer Ampel geregelt. Rot: Warten. Grün: Durchfahrt frei. Wir haben grün und fahren ein. Die Fähren bleiben wo sie sind und wir können durch. 



Tallinn, Hauptstadt Estlands

Montag, 4.Juli / Dienstag, 5.Juli 2016
Ausgiebige Seightseeing Tour 
Eine neue Batterie besorgen und einbauen. 
Shopping
Rotermann City in der alten Speicherstadt


Tallin ist die Stadt, die uns bisher am allerbesten gefällt. Eine schöne hervorragend erhaltene Altstadt. Nicht nur gut restaurierte Monumentalbauten, sondern viele Häuser in verwinkelten Gassen, überall Kopsteinpflaster und eine erhaltene Stadtmauer. Oberstadt und Unterstadt. Ein bißchen Lissbon im Norden. 
Im Hafengebiet wird ein verfallenes Lagerhausviertel neu bebaut. Mit einer tollen Architektur und urbaner, wohnlicher, moderner Atmosphäre. Etwa so ein Projekt wie Hafencity in HH oder Malmö. Sehr sehenswert. 
Wir haben überhaupt nicht das Gefühl in einer der alten Sowjetrepubliken zu sein. Nichts erinnert daran. Alles ist verwachsen und verzahnt. Man spürt Willen zum Anpacken und Pioniergeist. Aber auch das Geld, das sicher zum großen Teil aus Finnland über die Fährverbindungen ins Land kommt und nicht nur die Bezahlung des Alkohols ist, den die Finnen tonnenweise in ihren Rollkoffern auf die Schiffe schleppen oder einkaufswagenweise in ihren Yachten verstauen. Ungelogen. Hier werden jeden Tag Hektoliter des Bölkstoff an die Finnen verkauft. Mit entsprechender Infrastruktur im Hafen. Supermärkte und Alkoshops in großer Anzahl fußläufig rings um das Hafengebiet. Über die Stege der Marina rattern die Einkaufswagen und Sackkarren, bepackt mit Bier, Schnaps, Likör. 
Warum haben die Finnen so lange Arme? Das haben wir auf unserer Tour schon einmal gehört. 


Mittwoch, 6.Juli 2016
Standort: Tallin. Immer noch oder schon wieder. 

Wir haben heute versucht die Strecke von ca. 50sm nach Helsinki zu fahren. Wir haben es jedoch bei dem Versuch gelassen und sind nach 5 sm in der Talliner Bucht umgekehrt. 
Erst heute morgen haben wir uns zum Auslaufen entschlossen, nachdem wir die Tage vorher auf den Mittwoch gepiert hatten. Wir haben intensiv abgewogen. Heute war ein Loch in der Starkwindphase. Aber immer noch viel Wind und eine verdammt hohe Welle. 
Als wir aus dem Hafen in die Bucht auslaufen, begegnen uns 5-6Bft, in Böen 7.
Aber wir laufen nur unter der Arbeitsfock ganz gut. Aber eben die langen, starken Böen machen zu schaffen und das ständig bis ins Cockpit überkommende Wasser lassen uns den Entschluss fassen, den Versuch abzubrechen und einen neuen Versuch am Samstag zu starten. Bis dahin ist das Sturmtief, dass über Jütland und Gotland nach Finnland unterwegs ist durch. 
Wir werden uns in Tallinn noch drei nette Tage machen. 

Batteriewechsel

Unsere Versorgungsbatterie kann die Ladung nicht halten. Dass sie innerhalb weniger Stunden keine Leistung mehr hat, bewegt uns dazu in Tallinn nach Ersatz Ausschau zu halten. Im Hafenmeisterbüroliegt ein Flyer von Yachts-Service.ee. Dort rufen wir an. Von der Vertretung des Hafenmeisters erhalten wir keine Unterstützung: Das Mädel mit den aufgeklebten Fingernägeln flezt sich lieber mit demLaptop auf den Knien in die weißen Ledersessel, hat sicher noch nie eine Leine einer Yacht am Steg angenommen und kann unter dem Batterieproblem nicht wirklich richtig etwas verstehen. Entsprechendspärlich sind die Hinweise auf den einschlägigen Fachhandel. 
Die bekommen wir aber am Telefon nach dem zweiten Telefonat mit Yachts-Service.ee. Die Firma Renovaar hat drei Läden in der Stadt und alle Arten von Batterien vorrätig. Marko Manni hat schon eine, nach unseren Angaben reservieren lassen. Auf ins Takso, ein Passat B8, und eine Batterie einkaufen fahren. Das dauert 5 min und kostet 355€. Das Takso hat gewartet und transportiert Jens mit Batterie wieder in den Hafen. Jetzt wird die marinaeigene Sackkarre zweckentfremdet: 45kg lassen sich nicht so einfach über die Stege schleppen. Der Alkotransport muß pausieren, damit wir unsere neue Energiequelle zur Skokie bekommen. Danach ist die Sackkarre wieder frei und wird auch sofort abgeholt. 
Der Einbau der Batterie ist relativ einfach, die Vorbereitung dazu erfordert Umsicht und Sauberkeit, da der Montageort der Spannungsquelle unter den Kojen der Eignerkabine platziert ist. Nach einer 3/4 Stunde ist der Stromkreis wieder geschlossen und die Hoffnung groß, das die elektrische Versorgung nun kontinuierlich sichergestellt ist. 

Tom von der Mariana, sie ist inzwischen auch in der Old City Marina eingetroffen, macht sich mit einer blauen Campinggasflasche im Rucksack auf den Weg und kommt mit einer neu gefüllten aus Tallinn zurück. Auch das hat geklappt. 


Langarmige Finnen in Tallinn...


Regentag in Tallinn, Pirita

Freitag, 8. Juli 2016
Morgen geht es weiter. Nach Helsinki. Endlich. Der Starkwind hat nachgelassen. 
Wir sind noch mal in das freundliche und lauschige Restaurant "Platz" in der Rotermann City gegangen. Ein Platz zum verlieben. 

Abschied von Tallin